Immer wieder und immer öfter habe ich in den letzten Jahren daran gedacht, wie es wohl wäre, am Meer zu leben. Initiiert wurden diese Gedanken von Veränderungen, die in meinem städtischen Umfeld vor sich gehen. Veränderungen, die das Gefühl für meine Wahlheimat negativ beeinflussen. Die Stadt wird voller, größer, lauter, Flächen werden weiter versiegelt. Auf der anderen Straßenseite zog vor wenigen Jahren ein Discounter in den neu errichteten Häuserblock ein. Eigentlich eine gute Sache, denn ein zu Fuß erreichbares Lebensmittelgeschäft fehlte bis dahin gänzlich in der unmittelbaren Umgebung. Auf derselben Straßenseite hält auch mein Bus, wenn ich aus dem Stadtzentrum komme. Es dauert inzwischen teils viele Minuten, bis es möglich ist, einigermaßen gefahrlos die Straße zu überqueren – und das, obwohl ich mir schon eine gewisse Gelassenheit und einen neuen Wagemut angeeignet habe. Und dann wurde da – nach Jahrzehnten – plötzlich ein Wohnblock direkt gegenüber meinem geliebten Südbalkon errichtet. Einer von diesen Einheitsblöcken ohne jede Persönlichkeit, auf die ich einfach nicht tagein tagaus blicken will. Sämtliche Bewohner unseres Hauses sind seit Ankündigung des Baubeginns in Trauer.

Meine ersten Gedanken gingen deshalb zunächst in die Richtung, aus der Stadt hinaus aufs Land zu ziehen. Die Mieten werden aber trotz Suche in Gegenden ohne S-Bahn-Anschluss nicht günstiger. Und dann war da noch dieser andere Gedanke. Was wäre, wenn …?
Schon immer zieht es mich ans Wasser. Flüsse, Seen, das Meer. Das Meer. Das Meer. Warum nicht dort leben?
Das erste Mal
Das erste Mal am Meer war ich mit drei Jahren. Meine Eltern reisten mit mir an die Nordsee und sogar bis raus nach Helgoland. Ich denke, ich habe das damals schon geliebt. Das erste Mal bewusst am Meer war ich in Italien – ein typischer Urlaub mit Familie am Strand von Riccione. Liegen und Schirme, so weit das Auge reicht. Im Hotel drei Gänge: Pasta, gefolgt vom Hauptgericht, abschließend „Obst, Eis, Käse“ (heute noch ein Running Gag in meiner Familie). Wir Kinder haben es geliebt, waren den ganzen Tag draußen, haben gebuddelt, geplanscht, getaucht, Ball gespielt. (Bis es anfing zu regnen und nicht mehr aufhörte. Wahre Sintfluten spülten uns zurück in den Norden und nach Südtirol, wo der Urlaub trotzdem einen schönen Abschluss fand.)
Viele Reisen folgten: Amrum, Sylt, Malta, Algarve, Teneriffa, Fuerteventura, Timmendorfer Strand, Fehmarn, wieder Sylt, Travemünde. Zunächst dachte ich, ich bräuchte zum Meer auch dauerhaft die Sonne, die Wärme, stellte dann aber fest: Nein, dem ist gar nicht so. Ich will nur das Plätschern, das Rauschen, die Luft, die niemals ganz still steht, die Füße im Sand, wann immer mir danach ist, ob Sommer, ob Winter.
Meine Depressionen plagen mich mehr oder weniger das ganze Jahr über. Die nehmen keine Rücksicht auf Wetter oder Jahreszeiten. Bin ich zuhause in der Stadt, komme ich manchmal tagelang nicht aus dem Haus. Bin ich jedoch am Meer, gehe ich fast jeden Tag wenigstens einmal ans Wasser, oft sogar morgens und abends. Ob es nun warm ist oder kalt, regnet oder stürmisch ist. Es tut mir einfach gut. Oft gibt es mir neue Energie, manchmal vertreibt es immerhin die ganz dunklen Gedanken.

Tja, und deshalb reise ich inzwischen an die Nord- und an die Ostsee mit dem Gedanken, dort zu leben. Ich erkunde Orte, ich halte nach Wohnungen Ausschau, ich überlege, welcher Arbeit ich dort nachgehen könnte. Zugegeben, die Mieten sind auch hier schlafraubend hoch. Aber ich habe einen Plan.
Inzwischen bin ich nebenberuflich selbständig und hoffe, als Korrektorin Geld zu verdienen. Wenn es für meinen Chef vorstellbar ist, werde ich weiterhin für den Laden arbeiten: Texte schreiben, übersetzen, den Onlineshop pflegen, fotografieren … Im Sommer würde ich gern eine saisonale Arbeit machen, vielleicht in einem der unzähligen Geschäfte an der Promenade, die nur von Frühjahr bis Herbst geöffnet haben. Sollte mir das Winterwetter dann noch mal zum Hals raushängen, könnte ich so immernoch meine warmen Wohlfühl-Inseln aufsuchen.
Vor dem Frühling an die Ostsee
Wie vorher schon hielt ich auf dem Weg an die See in Lübeck an, um dort einen Tag zu verbringen. Von dort aus ist es nur noch ein Katzensprung nach Timmendorfer Strand oder Travemünde. Ich erkunde immer wieder neue Viertel dieser alten Hansestadt mit ihren Backsteinhäusern, engen Gassen, Winkeln und Giebeln. Manchmal treffe ich dort auch einen alten Freund, der in der Nähe wohnt, aber diesmal leider verhindert war.


Abends hatte ich wieder mal Schwierigkeiten, ein Restaurant auszusuchen und konnte mich wieder nicht entscheiden. Ich ging dann einfach los, bog um zwei Ecken und entschied mich spontan für Sushi. Anschließend war es sogar noch hell genug, um zwischen den alten Backsteinhäusern und an der Trave im Abendlicht zu fotografieren. Sogar einen Absacker in der gemütlichen Bar des Hotels gönnte ich mir – wenn schon, denn schon. Danach war ich dann aber wirklich reif fürs Bett.


Vor meiner Weiterfahrt nach Travemünde frühstückte ich ebenfalls in der Hotelbar. Glücklicherweise ergatterte ich einen Platz am großen Tisch, sonst hätte ich krum wie eine Garnele an einem der Tischchen essen müssen. So konnte ich sogar noch ganz bequem ein bisschen arbeiten und schreiben, bevor es zum Bahnhof ging.
Eine Woche in Travemünde
Wieder mal viel zu früh erreichte ich meinen Bestimmungsort. Und wieder mal war meine Entscheidung, einen Rucksack statt eines Koffers mitzunehmen, die richtige. Klar wird auch der mit der Zeit irgendwann schwer und lästig, trotzdem würde ich nicht mehr zum Koffer zurück wechseln.
Der erste Tag in Travemünde war davon bestimmt, mich zu orientieren und und mir die Zeit zu vertreiben, bis das Apartment zum Bezug freigegeben wird. An der Trave suchte ich ein Café auf, um was zu trinken und aufs Klo zu gehen. Essen wollte ich eigentlich gar nichts, aber die hausgemachten Kuchen dort sahen einfach zu verlockend aus.

Nach dieser gemütlichen Stunde Ruhe machte ich mich wieder auf den Weg, diesmal Richtung Strand und Leuchtturm. Es wehte ein richtig kalter Wind, der Rucksack wurde schwer und die Füße taten weh. So traf ich den spontanen Entschluss, eine Schiffsrundfahrt zu machen. Den Anbieter hatte ich sowieso auf meiner Liste. Zuerst setzte ich mich drinnen an einen Tisch und bestellte eine Tasse Tee, ließ aber bald meinen Rucksack am Platz stehen und ging aufs Außendeck, auch weil die Scheibe drinnen keine ordentlichen Fotos möglich machte. Es war überraschenderweise kaum windig, sondern sogar sehr ruhig und ich hatte natürlich wesentlich bessere Sicht auf das Ufer des Priwalls und die Promenade von Travemünde, den Fischereihafen, Vogelschwärme und sanfte grüne Hügel.



Nach der Rundfahrt war es soweit: Ich durfte ins Apartment einziehen. Die Wohnung stellte sich als sehr neu heraus, hatte aber dafür noch einige Kinderkrankheiten. Das größte Manko: Es gab keine Anleitungen für Elektroeinrichtungen wie z. B. die Mikrowelle (absolut nicht selbsterklärend) oder die Heizung. Der Schlüssel für die Wohnungstür blieb ständig mitten in der Umdrehung stecken und mehr als einmal fürchtete ich, ihn abzubrechen. Ich hatte das Apartment für acht Nächte gebucht und bekam nur ein einziges Geschirrtuch (es gibt keine Spülmaschine, aber auch kein Abtropfgitter). Es gab zwar eine Kehrschaufel, aber keinen Besen, um den Sand, den ich unweigerlich von draußen hereinbrachte, zusammenzufegen. Die Müllbeutel reichten nicht aus, um irgendwas ordnungsgemäß zu trennen. Andererseits wusste ich eh nicht, wie der Müll zu trennen wäre. All dies teilte ich der Vermieter-Firma mit, bekam aber nie eine Antwort. Nun ja, ich arrangierte mich, die Reinigungskraft tut mir aber unendlich leid.
Trotz alledem hatte ich in der Wohnung eine gute Zeit. Sie war hübsch und gemütlich eingerichtet, die Fenster gingen auf eine kleine Einbahnstraße mit engen Backsteinhäusern und winzigen Vorgärten hinaus.
Ich stellte eine Einkaufsliste zusammen, nachdem ich festgestellt hatte, welche Kochutensilien vorhanden waren. Dann ging ich einkaufen, kochte und aß gemütlich zu Abend.
In den nächsten Tagen war meine Routine meist folgende: Arbeiten (hauptsächlich für mein eigenes Business als Korrektorin und Hörbuch-Sprecherin; vom Online-Shop hatte ich diesmal Urlaub genommen), eine Aktivität wie eine Führung, ein Fischbrötchen zum Mittag, eine Massage oder ein Spaziergang, immer wieder Besuche entweder der Trave oder des Ostsee-Strands. Ich genoss es wie immer sehr, so nah am Wasser zu sein, die Möwen kreischen zu hören. Und absolut fasziniert war ich von den riesigen Fähren, die von der Ostsee her auf der Trave mitten durch den Ort zum Hafen fuhren. Bei zwei dieser Gelegenheiten unterhielt ich mich mit zwei Einheimischen, um zu erfahren, wie sie das Leben hier so empfanden, ob sie es weiterempfehlen könnten usw. Eigentlich hatte ich mir auch Lokalzeitungen besorgen wollen, um einen Blick auf Immobilien und Mietpreise zu werfen, aber das war mir dann wieder entfallen.






Da ich diesmal ja schon den Anspruch hatte, die Gegend besser kennenzulernen, hatte ich eine Führung durchs Seefahrerviertel von Lübeck gebucht und lernte dadurch wiederum neue Straßen und Gassen kennen, sowie enge niedrige Gänge in grüne Hinterhöfe und zu kleinen Arbeiter- und Angestelltenhäuschen, allesamt wunderhübsch und gut erhalten. Vor der Führung schaute ich mich schon selbst im Jakobiviertel um und kehrte in einem kleinen Fairtrade-Café ein. Es gibt von Lübeck übrigens eine Fairtrade-Karte, die Geschäfte, Restaurants und Cafés anzeigt. Auf der habe ich das o.g. Café gefunden.








Zum Wandern/Spazierengehen mochte ich die Steilküste und den Strand darunter sehr. Beides bietet außerdem beeindruckende Motive für Fotos, wandelt sich doch ständig der Blick auf die Steilwand: von baum- und buschbewachsen hin zu abgerutschtem Lehm, aus dem sich neue gelbe Blüten hervorgekämpft haben. Am Ufer finden sich bunte Steine, Muscheln, leere Schneckenhäuser; einige Spaziergänger suchten nach Bernstein. Umgestürzte Baumstämme liegen im Wasser, versperren den Weg. Ab einem bestimmten Punkt war es mir hier nicht mehr geheuer, unten weiterzugehen; beim nächsten Besuch möchte ich oben an der Steilküste laufen.






Besonders gut hat mir der Priwall gefallen, eine Halbinsel gegenüber von Travemünde, der auf seiner östlichen Seite in Mecklenburg-Vorpommern mündet. Hier finden sich neben der Ostseestation mit Aquarium weite Strände, moorige Wanderwege, Häuser klein wie Gartenlauben, ein Woll-Café und windschiefe Wäldchen. Und allein die sehr kurze Überfahrt mit Auto- oder Priwallfähre war für mich ein kleines Abenteuer. Die Kamera blieb im Rucksack – der Akku war leer, und ratet mal, wer den Zweitakku in der Wohnung hatte liegen lassen.
Die neun Tage vergingen wie im Flug, ich bekam einen Eindruck vom alltäglichen Leben und kann mir wirklich gut vorstellen, hier zu leben.




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