Anders als geplant – flexibel bleiben

Während meiner ersten Reisejahre war ich der strikten Auffassung, wenn man schon verreist, dann muss man diese Zeit bis zur möglichst letzten Sekunde mit Aktivitäten füllen. Ich wanderte stunden- und tagelang umher, lief und lief und lief. Inzwischen habe ich nicht mehr den Druck, aus meinen hart ersparten Reisen das meiste rausholen zu müssen. In den letzten Jahren habe ich Ausflüge und Wanderungen abgewechselt mit Stunden am Strand oder auf der Couch, sofern vorhanden. Apartments wähle ich nach Verfügbarkeit eines Balkons aus oder zumindest einer Gemeinschafts-Terrasse.

stürmischer Tag

Diese neue Einstellung kommt mir auf dieser Reise zugute. Sonst wäre ich vermutlich schon ausgeflippt, denn ich kam in den ersten eineinhalb Wochen wegen meines noch sehr spürbaren Muskelfaserrisses zu Fuß nicht sehr weit. Ich bin statt dessen Bus gefahren, habe mich eher in der näheren Umgebung des Hotels aufgehalten, lag zwei halbe Tage am Pool, genoss die Aussicht aufs Meer von meinem Balkon aus. Und trotzdem kann ich sagen, ich habe etwas erlebt, ich habe was von Land und Leuten gesehen, habe eine schöne Reise. Vormittags saß ich sowieso am Laptop, um zu arbeiten. Ich bin diesmal eh nicht ausschließlich zu Reisezwecken unterwegs.

Die ersten Tage verbrachte ich in Puerto de la Cruz, im Norden Teneriffas. Der Norden ist dafür bekannt, dass es eher mal regnet und von Haus aus nicht so heiß ist wie im Süden. Und dieser Winter, das hörte ich von Einheimischen wie von Urlaubern immer wieder, ist ungewöhnlich kalt und nass. Mit Regengüssen war also ständig zu rechnen und am Strand liegen fiel eher aus. Auch gut. Statt dessen ging ich in den sehr hübschen Botanischen Garten in La Orotava; der hat eine überschaubare Größe und bietet trotzdem eine Fülle von Bäumen, Orchideen, blühender Pflanzen. Früher wäre ich den Weg dorthin gelaufen, diesmal nahm ich einfach den Bus.

Die Tage waren sehr stürmisch. Strände sowie Felsenbäder waren gesperrt. Für mich als leidenschaftliche Fotografin eine willkommene Gelegenheit, nach Herzenslust die sich im schwarzen Sand brechenden Wellen ohne Menschen zu fotografieren. Und abends, wenn es oft fast windstill wurde und die Wolken aufrissen, ließ sich der Vollmond blicken.

Wellen an schwarzem Sand

Als ich vor Jahren das erste Mal auf Teneriffa war, hatte ich einen Sternengucker-Ausflug mit Teide by Night gebucht. Man wird in das Gebiet um den Teide gefahren, bekommt Wahnsinns-Aussichten auf die Pinienwälder ringsum, und am Abend beobachtet man, mit einer Decke umwickelt, den Sonnenuntergang. Anschließend geht es an eine Stelle im Naturpark, die komplett dunkel ist, um dort Sternbilder erklärt zu bekommen. Diesen Ausflug wollte ich unbedingt noch einmal machen und buchte ihn wieder. Nun ja, die Sicht auf die Pinienwälder fiel komplett dem dichten Nebel zum Opfer. Erst oben, ab einer bestimmten Höhe, klarte der Himmel vollständig auf und strahlender Sonnenschein ermöglichte wunderbare Fotos faszinierender Felsformationen. Auch hier lief es anders als gewohnt. Der Bus konnte nicht an der üblichen Stelle halten, und so bekam ich diesmal andere Formationen und Aussichten vor die Linse. Eine glückliche Fügung. Und noch etwas: Ich bekam erstens laufend Hilfe angeboten, nachdem die Gruppe mitbekommen hatte, dass ich nicht gut zu Fuß war. Helfende Hände streckten sich mir entgegen, um felsige Stufen zu erklimmen. Und endlich war ich selbst auch mal auf meinen Urlaubsfotos zu sehen, denn während ich die Paare fotografierte, damit sie nicht ausschließlich mit Selfies heimfahren mussten, machten sie Fotos von mir.

Zum Sonnenuntergang zogen ein paar Wolken auf. Auch das ist für eine Fotografin ein wahres Glück. Denn wie viel schöner werden Sonnenuntergangsfotos mit Woken, die in tausend Farben leuchten!

Sonnenuntergang, den Teide im Rücken

Um wirklich viele Sterne wirklich gut zu sehen, muss es wirklich dunkel sein. Da ist der vorher erwähnte Vollmond nicht sehr hilfreich. Schön war die Nacht trotzdem und die Kälte schnell vergessen, als wir durch aufgestellte Teleskope Saturn und Jupiter erblickten. Ein faszinierender Anblick. Wie klein wir doch sind in diesem Universum.

Diese ersten Tage verlangten nicht nur kurze Wege, sondern auch eine allgemeine Verlangsamung. Jeden Schritt setzte ich bewusst. Die sonst übliche Ziellosigkeit wandelte sich in überlegte schrittweise Ausdehnung meiner Reichweite. Auch dies empfinde ich als neue Erfahrung und Bereicherung.

Nächste Haltestelle: Fuerteventura

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